Einführung

Rezension Renate Parschau Zwangsverlobung, Sozialistischer Klassizismus und ostdeutsche Erinnerungen

Lesung im KulturHausWandlitz: Florentine Anders „Die Allee“

 

 

Von Renate Parschau

 

Ja, es ist ein Roman, sagt die Autorin zu Beginn ihrer  Lesung im  KulturHaus Wandlitz. Florentine Anders, Jahrgang 1968,  hat die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben und  Personen wie Situationen im Leben der Familie  Ausdruck und Gesichter gegeben, Farbe und Atmosphäre ,die vor allem  von einer Person geprägt wurde: ihrem Großvater, dem Architekten  Hermann Henselmann.

„Erinnerungen sind aus wundersamen Stoff gemacht – trügerisch und dennoch 

zwingend, mächtig und schattenhaft“,  schreibt Klaus Mannn in seiner Autobiografie „Der Wendepunkt“:

„Es ist kein Verlaß auf die Erinnerung, und dennoch  gibt es keine Wirklichkeit 

außer der, die wir im Gedächtnis tragen“. Und so schreibt Florentine aus den  Erinnerungen von Eltern und  Großeltern auf 348 Seiten,   was   und vor allem wie diese  sie erlebt haben.  „Es hätte so gewesen sein können“, sagt  sie, fast ein wenig entschuldigend. Aber wie hätte es sonst  gewesen sein können?

Und so wird man  zunächst Zeuge einer verstörenden Szene, in der Isi, Florentines Mutter, bei Rot über die Ampel am Frankfurter Tor läuft. Doch wie hätte die Autorin sonst vermitteln sollen, wie eine gerade 18jährige sich im Jahr 1960  fühlt, unmittelbar nach der Zwangsverlobung mit  einem übergelaufenen Bundeswehroffizier, der sich hernach als Doppelagent entpuppen wird…

Ist es doch gerade  die unmittelbare Nähe zum Geschehen, die hier entsteht und den Leser anzieht, egal, ob er in der DDR aufgewachsen ist oder  sie nur aus den Erzählungen der Erwachsenen bzw.  Geschichtsbüchern kennt. Doch es ist nicht die Geschichte einer „normalen“ Familie in der DDR – wenn es die denn überhaupt gegeben hat. Also besser gesagt, ist es die Geschichte einer Familie, die nicht in den Plattenbauten Marzahns o.ä.  wohnte  und am Freitag nach Fleisch in der Schlange stand, 1o Jahre auf ein Auto warten musste und Badfliesen bzw. Duschtassen nur im Austausch gegen eine Stiege Erdbeeren, Spargel o.ä. bekam.

Ihr Großvater war Hermann Henselmann, der 1905 Roßla geboren und   zunächst Tischler, später  Zeichnen, Modellieren und Gestalten lernte. 1930 baute er zusammen mit Alexander Ferenczy, die Villa Kenwin im schweizerischen Montreux für ein  englisches Ehepaar  - radikal und modern, genau wie sein Vorbild Le Corbusier. Nach dem Krieg war er  in wichtigen Funktionen  in Gotha  und Weimar, später an der  Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin. Trotz „modernistischer Architekturauffassung“ seines Entwurfs für das Hochhaus an der Weberwiese  erhielt er  damals den Zuschlag und errichtete das Haus im Stil des sogenannten „Sozialistischen Klassizismus“  - genau wie für die Stadthochhäuser in Leipzig und Jena und die Entwürfe für den  Berliner Fernsehturm.

Sein Name steht für Großbauten wie  die Berliner Stalinallee, die Kongresshalle, den Fernsehturm und den  Strausberger Platz, wo er im dortigen  „Haus des Kindes“  mit 8 Kindern, einer Haushälterin und einem Kindermädchen (!)  eine Wohnung in der  6. Etage bewohnte

Die    Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin Florentine Anders, geb. 1968,   hat sich mit der Geschichte ihrer Familie, besonders jedoch mit Großvater,Großmutter Isi und ihrer Mutter  Isa beschäftigt. Die Namen muss man natürlich erst einmal auseinanderhalten,  aber beim zügigen Lesen gewöhnt man sich daran, zumal eingängig die Auseinandersetzungen zwischen den Generationen beschrieben werden. Eines war der Autorin besonders aufgefallen: der harsche Kontrast zwischen den politischen Absichten bzw. Verlautbarungen von Partei und Regierung, vor allem die Gleichberechtigung von Mann und Frau betreffend und dem realen Alltagsleben der Familie. Zwar arbeitet Großmutter Isi als Innenausstatterin und Dekorateurin  – doch der Leiter  des Instituts für „Typenprojektierung  für industrielles Bauen“  und später bis zu seiner Pensionierung 1972 des  Instituts für Städtebau und Architektur der Bauakademie  Herrmann Henselmann ist der „Herr“ im Hause. Punkt. „Ein Patriarch“, wie sie immer wieder betonte. Und mit Auszügen aus ihrem Buch immer wieder belegt: so in der Beschreibung der Szene am Esstisch, wo  der Großvater den Enkeln unmissverständlich erklärt, wer der Herr im Hause ist. Zumal niemand von ihnen  in einem  - von ihm dazu selbst initiierten(!)  - Plattenbau in Marzahn oder Hohenschönhausen wohnen muss.

Doch nicht das zweifelsfrei privilegierte Leben und Wohnen der Familie ist der Hauptvorwurf der Autorin, sondern die – entgegen allen anderen offiziellen Verlautbarungen – völlig ausgeschaltete Gleichberechtigung von  Mann und Frau.

Fragen gab  es im Anschluss vor allem nach der Rolle, die Henselmann beim Bau der ehemaligen Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ in Bogensee gespielt hatte. Die ehemalige  Kaderschmiede  der FDJ  wurde seinerzeit im sogenannten  „Sozialistischen Klassizismus“ erbaut und seither immer wieder mit seinem Namen in Verbindung gebracht .

Hier nun gab es   letztlich ein klares „Nein“.

Von Architekturhistoriker Clemens Helmke, Architekt und Architekturhistoriker,  Mitglied des Beirats der Hermann-Henselmann-Stiftung.

„Es gibt keine verlässlichen Hinweise darauf, Unterschriften o.ä., die das bestätigen könnten.“  

Henselmann hatte  als Architekt nichts mit dem Anwesen   in Bogensee zu tun. Es gibt keine Belege, Unterschriften usw. dafür, dass der Chefarchitekt Ostberlins hier aktiv war.

Dennoch, vor allem für die Gäste von außerhalb eine gute Gelegenheit, sich die Überreste anzusehen, die viele gern nutzten.

Wer wollte, konnte im Anschluss an die Lesung mit zu  einer Führung durch die  , die durch die jüngste Brandlegung dort wieder einmal traurige Berühmtheit erlangt hat.

Und als zweiter Beitrag zum neuen interessanten Projekt im KulturHaus Wandlitz, das von Alexander Bick initiiert und geleitet wird ,   ein weiterer schöner Auftakt.

Florentine Anders: Die Allee, Roman, Verlag Galiani Berlin 2025, 348 Seiten